Ihr Vater hatte ihr stets denselben Rat gegeben:
— Mische dich nie in die Angelegenheiten von Menschen ein, die etwas zu verbergen haben. Wenn ich dir etwas verbiete, dann hat das seinen Grund.
Anna lächelte nur darüber. Mit zwanzig Jahren fühlte sie sich längst erwachsen und hatte es satt, nach den Regeln eines Mannes zu leben, der ständig geschäftlich unterwegs war und nie über seine Arbeit sprach. Offiziell war ihr Vater, Viktor Richter, Berater für internationale Sicherheit. Inoffiziell … ahnte sie, dass sein Beruf viel gefährlicher war.
Vor einigen Tagen hatte ihr neuer Bekannter, der charmante und erfolgreiche Unternehmer Leonard Weiss, sie zu einem exklusiven Wohltätigkeitsball in einem alten Schloss am Stadtrand eingeladen. Der Zugang war nur mit einer besonderen Einladung möglich.
Als Anna ihrem Vater davon erzählte, änderte sich sein Gesichtsausdruck sofort.
— Du wirst nicht hingehen.
— Warum? — fragte sie überrascht. — Es ist doch nur ein Ball.
— Ich bin nicht mehr fünfzehn!
Viktor seufzte schwer und sah seine Tochter so ernst an, dass sie für einen Moment verstummte.
— Es gibt Menschen, die derzeit überwacht werden. Sie sind gefährlich. Wenn du eine Einladung mit dem Wappen eines goldenen Löwen siehst, halte dich von ihnen fern.
Genau dieses Wappen war jedoch auf Leonards Einladungskarte eingeprägt.
Anna war überzeugt, dass ihr Vater einfach zu vorsichtig war. Als er am Abend zu einer weiteren „Dienstreise“ aufbrach, zog sie ihr elegantes smaragdgrünes Kleid an und machte sich heimlich auf den Weg zum Ball.
Zunächst wirkte alles wie ein Märchen. Live-Musik, teure Getränke und elegante Tänze unter dem warmen Licht der riesigen Kronleuchter. Leonard war höflich und aufmerksam, stellte sie einflussreichen Persönlichkeiten vor, doch nach und nach bemerkte Anna seltsame Dinge. Einige Gäste sprachen leise auf Deutsch miteinander, blickten sich ständig um und tauschten kleine schwarze Umschläge aus.
Plötzlich hörte sie zufällig ein Gespräch hinter einer Marmorsäule.
— Hat der Agent uns noch nicht aufgespürt?
— Nein. Aber wenn er heute Nacht hier auftaucht, werden wir ihn enttarnen.
Ein Frösteln durchlief sie. Sie dachte an die Worte ihres Vaters und bereute zum ersten Mal, dass sie ihm nicht gefolgt war.
Leonard bemerkte ihre Zögerlichkeit.
— Alles in Ordnung? Du siehst ganz blass aus.
— Ich… ich möchte nach Hause gehen.
Sein Lächeln verschwand augenblicklich.

— Nach Hause? Jetzt? Nein, Anna… der Abend fängt doch erst an.
Er packte sie am Arm. Viel zu kräftig.
— Du bist die Tochter von Viktor Richter, nicht wahr?
— Woher kennst du meinen Vater?
Leonard lächelte eisig.
— Es stimmt also. Welch glücklicher Zufall.
Er zog sie in die Mitte des Ballsaals. Die Musik hielt inne. Die Gäste drehten sich neugierig um. Manche schienen bereits zu begreifen, was vor sich ging, andere warteten gespannt auf die nächste Szene.
Anna versuchte, sich loszureißen, doch Leonard stieß sie zurück. Sie verlor fast das Gleichgewicht. Die Ohrfeige, die er ihr scheinbar beiläufig verpasste, ließ ihre rechte Wange sofort erröten. Der Lippenstift verschmierte auf ihrer Haut.
Im prunkvollen Festsaal herrschte absolute Stille.
Mit zitternden Fingern holte Anna ihr Handy hervor und hielt es an ihr linkes Ohr.
Leonard lachte spöttisch auf.
— Oh… sie ruft ihren Papi an.
Er drehte sich grinsend zu den Gästen um.
— Seht ihr das alle?
Einige schauten verlegen weg, andere fingen nervös an zu lachen. Die Übrigen standen stumm da.
— Glaubst du wirklich, dass er kommt? — flüsterte Leonard ihr zu. — Und selbst wenn… dann hat er schon verloren.
Anna konnte nicht antworten.
In diesem Moment öffneten sich langsam die mächtigen Flügeltüren des Ballsaals.
Aus dem Licht trat Viktor hervor.
Doch das war nicht mehr der ruhige, schweigsame Vater, den sie von zu Hause kannte. Sein Blick war eiskalt, seine Bewegungen präzise, und jeder Schritt seiner schweren Stiefel hallte durch den Saal.
Langsam ließ er seinen Blick über die Menschenmenge schweifen, bis er bei Leonard stehen blieb.

Mit ruhiger, aber gefährlicher Stimme sagte er:
— Du hast meine Tochter angefasst?
Das Grinsen verschwand aus Leonards Gesicht. Er fuhr erschrocken herum.
— Das… das ist unmöglich. Du solltest ganz woanders sein!
Viktor machte einen weiteren Schritt nach vorne.
— Wie kannst du es wagen?
Im nächsten Augenblick sprintete er los.
Leonard wollte hastig etwas aus seiner Innentasche ziehen, doch Viktor war bereits bei ihm. Mit einer Bewegung schlug er seine Hand zur Seite, packte ihn am Kragen und hob ihn beinahe vom Boden hoch.
— Du hast meine Tochter als Köder benutzt? — fragte Viktor mit gefährlich ruhiger Stimme.
Leonard verzog trotz der Schmerzen die Lippen zu einem Lächeln.
— Nein… sie ist freiwillig gekommen.
Anna hatte ihren Vater noch nie so gesehen. Innerhalb weniger Sekunden überwältigte er zwei weitere Männer, die Leonard helfen wollten. Irgendwo im Hintergrund schrien Menschen auf und begannen panisch auseinanderzulaufen.
Und dann bemerkte sie etwas, das niemand hätte sehen dürfen.
Mehrere Gäste waren gar keine wohlhabenden Ballbesucher. Wie auf ein geheimes Kommando zogen sie versteckte Waffen und umstellten den Saal.
Alles war eine Falle gewesen.
Viktor wirbelte herum. Ein Schuss krachte durch den Ballsaal. Die Kugel traf den gewaltigen Kronleuchter, und tausende Kristallsplitter regneten auf die Gäste herab.
Wenn Sie unser Team unterstützen und uns helfen möchten, weiterhin kreativ zu sein, können Sie dies tun, indem Sie auf den untenstehenden Button klicken.
Viktor schob seine Tochter hinter eine massive Marmorsäule.
— Hör mir genau zu! — befahl er. — Lauf zum Nordausgang und vertraue niemandem! Nicht einmal der Polizei!
— Ich gehe nicht ohne dich!
— Das ist ein Befehl!

Doch in diesem Augenblick hatte Anna die Wahrheit bereits erkannt. Ihr Vater war tatsächlich ein Geheimagent, der seit Jahren unter falscher Identität arbeitete. Und all die Lügen hatten nur einen einzigen Zweck gehabt: sie zu beschützen.
Wenige Minuten später stürmte eine Spezialeinheit den Ballsaal. Es kam zu einer Schießerei. Leonard wurde festgenommen, doch im Chaos gelang es einer Person zu entkommen.
Als alles vorbei war, setzte Viktor seine Tochter schweigend ins Auto. Lange fuhren sie durch die nächtliche Stadt, ohne ein Wort zu sagen.
Schließlich fragte Anna leise:
— Wusstest du, dass sie mich benutzen würden?
Viktor umklammerte das Lenkrad fester.
— Nein. Aber ich wusste, dass sie irgendwann einen Weg finden würden, um an mich heranzukommen.
Er hielt vor dem Haus an und zog einen kleinen silbernen Schlüssel aus seiner Tasche.
— Es gibt etwas, das ich dir seit zwei Jahrzehnten verheimlicht habe.
— Den Schlüssel zu einem Bankschließfach, das deine Mutter für dich zurückgelassen hat.
Anna blickte ihn ungläubig an.
— Aber… Mama ist doch gestorben, als ich ein kleines Kind war.
Viktor schüttelte langsam den Kopf.
— Genau das sollte jeder annehmen.
In diesem Moment vibrierte sein Handy. Er warf einen Blick auf das Display – und zum ersten Mal seit vielen Jahren zeigte sich echte Besorgnis im Gesicht des erfahrenen Agenten.
Auf dem Bildschirm stand nur eine einzige Nachricht:
„Wir wissen, dass sie jetzt die Wahrheit kennt. Beim nächsten Mal wirst du sie nicht mehr retten können.“
Darunter war ein Foto.
Es war erst vor wenigen Augenblicken aufgenommen worden.
Darauf waren Anna und Viktor zu sehen – genau an dem Ort, an dem sie sich jetzt befanden.
Jemand beobachtete sie. In genau diesem Moment.
